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Supplychain-Kapitalismus, Plattform-Merkantilismus, KI-Coup und die Grundrisse einer Politischen Ökonomie der Abhängigkeiten
Publiziert am 15. Juni 2026 von mspro
Im Sammelband von Ramona Casasola-Greiner und Korbinian Rüger (Hrsg.) „KI und Demokratie" ist folgender Beitrag von mir erschienen (S. 183 -217). Die Weiterentwicklung der Theorie -> Die „politische Ökonomie der Pfadgelegenheiten", kann hier weiterverfolgt werden.
Zusammenfassung
Der aktuelle politische Moment in den USA ist kaum ohne Rückgriff auf das zu verstehen, was einmal als Technopolitik bezeichnet wurde. Politik mit und durch Technologie hat keinen Neuigkeitswert, doch seit der zweiten Amtszeit von Donald Trump und dem Triumph der „Broligarchie“ (Harrington 2024) scheint sie eine neue Ebene erreicht zu haben.
In diesem Aufsatz argumentiere ich, dass unterschiedliche, im Kapitalismus entwickelte Ausbeutungsstrategien – sogenannte politökonomische Aneignungsprotokolle – zu einer enormen Konzentration von Macht geführt haben, so dass eine kleine Anzahl an Akteuren in die Lage versetzt wurde, weltweit demokratische Gemeinwesen zu bedrohen.<br>An den drei Beispielen: Supplychain-Kapitalismus, Plattform-Merkantilismus und KI-Coup entwickle ich die „Politische Ökonomie der Abhängigkeiten“, um besser über Macht in der Wirtschaft sprechen zu können.
Einleitung
In einem Interview vom März 2024 sprach Sam Altman, CEO von OpenAI – der mächtigsten KI-Firma der Welt –, einen Satz aus, der ihm sofort unangenehm wurde. Er sagte: „Der Weg zu AGI sollte ein gigantischer Machtkampf sein.“ (Friedman 2024). AGI („Artificial General Intelligence“) markiert innerhalb der Branche die Erreichung von menschengleicher, genereller Maschinenintelligenz und ist das offizielle Ziel aller KI-Start-ups und -Konzernabteilungen. Altman korrigierte sich schnell: Er wünsche sich diesen Machtkampf nicht, aber er erwarte ihn.
Der Satz fällt an der Stelle, als es im Interview um seinen eigenen Machtkampf um die Kontrolle von OpenAI geht. Wenige Monate zuvor, im November 2023, feuerte ihn das Board des Unternehmens überraschend als Geschäftsführer. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer und da das Board nur sehr vage Andeutungen über die Gründe machte, spekulierte die halbe Welt über den plötzlichen Rausschmiss (The Verge 2024).
Es ist wichtig, dabei zu verstehen, dass OpenAI keine Firma wie andere Firmen ist. Sie wurde bewusst als Non Profit Organisation (NGO) gegründet, um ethisch verantwortungsvolle KI-Forschung sicherzustellen, doch unter Altman etablierte sie einen For-Profit-Arm, um Milliarden Dollar an Venture Capital einsammeln zu können, die nötig wurden, um die immer teurer werdenden KI-Modelle zu finanzieren. Es waren die 10 Mrd. Dollar, die Microsoft in das Unternehmen investierte und in Form einer Gutschrift zur Nutzung ihrer Cloudinfrastruktur auszahlte, die die aufwändigen Modelle von OpenAI erst möglich gemacht hatten.
( Abb. 11.1 ).<br>Caption: Das Bild zeigt ein Flussdiagramm, das die Organisationsstruktur von OpenAI darstellt. Oben befindet sich der „Board of directors", der „OpenAI, Inc." kontrolliert, eine gemeinnützige Organisation. Diese besitzt und kontrolliert vollständig „OpenAI GP LLC". „OpenAI, Inc." besitzt auch eine Holdinggesellschaft, die Anteile von Mitarbeitern und Investoren umfasst. Microsoft ist als Minderheitseigentümer mit „OpenAI Global, LLC" verbunden, einer gewinnorientierten Gesellschaft, die mehrheitlich von der Holdinggesellschaft gehalten wird. Das Diagramm zeigt die Beziehungen und Kontrollstrukturen zwischen den verschiedenen Einheiten.
Doch das Board ist kein üblicher Unternehmens-Aufsichtsrat, sondern als Teil der NGO-Struktur den wissenschaftlichen und ethischen Standards der Forschung verpflichtet und hat über alle Geschäftsfelder das letzte Wort. Ein Rausschmiss des CEO ist der letzte Nothebel zur Sicherung dieser Kontrolle und genau so begründete das Board auch seine Entscheidung: Es habe das Vertrauen in Altman verloren.
Doch innerhalb weniger Tage änderte sich alles. Altman hatte es geschafft, einen Großteil der Mitarbeiter auf seine Seite zu ziehen, die auf einmal in einer Petition mit ihrer Kündigung drohten, und Microsoft, der wichtigste Geldgeber und Eigentümer der teuren Server-Infrastruktur, auf der OpenAI die Modelle trainiert und betreibt, stellte Altman in einer Blitzaktion als Chef einer neuen KI-Abteilung ein, mit der Bereitschaft, auch alle anderen OpenAI-Mitarbeiter aufzunehmen.<br>Das Board hatte in dem Moment keine andere Wahl mehr, als seine Entscheidung rückgängig zu machen. Altman kehrte nach weniger als einer Woche zurück auf seinen CEO-Posten und stattdessen wurde nun das Board von ihm neu aufgestellt.<br>Im bereits angesprochenen Interview reflektiert Altman überraschend offen, dass das...